DAS DRUIDENPFERD
DAS DRUIDENPFERD

Geboren aus Wind und Staub

Mein Volk kennt keine Übersetzung für das Wort Seele. In unserem Glauben besitzt der menschliche Geist die Gestalt eines Pferdes.

Die Schamanen nennen es Chiimori-Windpferd - und es heißt, dieses Wesen sei unsere Verbindung zwischen Himmel und Erde, jede gute Tat, so besagen die Weisen, wird ein Chiimori stärken, auf dass es eines Tages zur Erde hinabsteigen vermag, um seinen Menschen zu finden und als Seelengefährte an dessen Seite zu stehen.

 

Vor langer Zeit lehrten wir unsere Kinder, stets Ausschau zu halten nach dem Pferd, das mit den Aberhunderten Herden dieser Erde läuft, dem einen Pferd, das ihre Seele teilt.

Die Fähigkeit, zu erkennen, aber haben wir lange verloren. Wir sehen mit den Augen, fühlen mit den Händen, urteilen mit dem Verstand. Doch unsere Herzen schweigen. Jedes Pferd ist uns gleich jedem anderen. Wir treiben sie, errichten Zäune, die sie gefangen halten, zähmen und unterwerfen sie.

 

Pferde sind für uns geworden wie Gold - sie besitzen einen Wert, der messbar ist, obwohl doch in Wahrheit alles an ihnen unermesslich ist.

 

Seit über 5000 Jahren ist das Pferd an unserer Seite. Von dem Moment an, in dem es sich entschied, den Menschen zu tragen, veränderte es den Lauf der Geschichte. Durch die Pferde eroberten wir die Welt.

 

Von ihren Rücken aus schwangen wir Schwerter, mit ihrer Kraft pflügten wir Felder und schneller, als es uns mit Ochsen jemals möglich war. Das Pferd trug uns durch Revolutionen und Kriege, es schenkete uns Siege und Reichtum und mehr von dieser Erde, als wir uns je erträumt haben.

 

Wahrlich, der Mensch wäre ein Sklave, hätte ihn nicht das Pferd zum Herrscher gekrönt.

So verehrten die alten Völker Pferde seit jeher.

Die Wüstenstämme erhoben sie zu Brüdern. Die Germanen sprachen ihnen hellseherische Fähigkeiten zu, denn sie galten als die Vertrauten der Götter.

Die Indianer meinten, durch die Kraft ihrer Pferde fliegen zu können, und die nordischen Stämme glaubten, selbst die Sonne werde von zwei Rössern über den Himmel gezogen.

 

Und mein Volk- mein Volk kennt bis heute keine Übersetzung für das Wort Seele.

In unserem Glauben trägt der menschliche Geist die Gestalt eines Pferdes, flüchtig wie der Staub und der Wind, aus dem es geboren wurde.

Doch wir verlieren die Pferde, ich spüre es. Und so wie wir die Pferde verlieren, werden wir uns selber verlieren, irgendwo zwischen Himmel und Erde.

Seelenlos, nun, da wir in dem Blick eines Pferdes nichts mehr zu erkennen vermögen.

 

   Aus der Mongolei


Druckversion Druckversion | Sitemap
© DAS DRUIDENPFERD